CliniCum neuropsy

e d i t o r i a l

O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Beim amerikanischen Kongress der Psychiater (APA-Meeting) wurde erstmals das Diagnostical and Statistical Manual fünfte Revision (DSM-5) vorgestellt, das eine Reihe von neuen Diagnosen brachte und bei den Etablierten zu neuen Zusammensetzungen führte, z.B. bei Depression, Schizophrenie und Demenz.

Bei den Angsterkrankungen ist mehr Klarheit dadurch bewirkt worden, dass die Zwangserkrankungen vergleichbar mit ICD-10 aus der Gruppe der Angsterkrankungen herausgenommen wurden. Erfreulicherweise ist die Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) bei Betroffenen im Erwachsenenalter als diagnostische Kategorie aufgenommen worden. ADHS ist mit einer Prävalenz von fünf bis neun Prozent eine der häufigsten psychiatrischen Erkrankungen im Kindesalter, und in zahlreichen Studien konnte gezeigt werden, dass die ADHS mit einer erhöhten Prävalenz für das Auftreten von psychiatrischen Begleiterkrankungen wie Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, Suchterkrankung und vor allem mit affektiven Störungen verbunden ist. Das legt die Annahme nahe, dass die ADHS-Symptome häufig von jenen der gut bekannten komorbiden Störungen überlagert und dadurch „maskiert“ werden, sodass für den Untersucher die Diagnostik und Therapie der adulten ADHS oft erschwert wird. Unbehandelt geht die ADHS-Symptomatik mit zum Teil massiven beruflichen, familiären und sozialen Beeinträchtigungen einher. Während vor allem das Aufmerksamkeitsdefizit bei Erwachsenen bestehen bleibt, treten Hyperaktivität und Impulsivität im Laufe des Lebens bei vielen Patienten in den Hintergrund, sodass das nicht vorhandene Bild eines „Zappelphilipps“ zusätzlich die Diagnose erschwert.

Bei der multimodalen Therapie der ADHS im Erwachsenenalter kommen den pharmakologischen Therapieoptionen eine wichtige Bedeutung zu, wobei Stimulanzien sowie die Beeinflussung des Noradrenalin-Wiederaufnahmetransporters eine wesentliche Rolle spielen. Die alleinige Behandlung mit einem selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) ist dahingehend nicht zielführend. Als Therapieziel sollte dabei sowohl die Behandlung der ADHS als auch die der komorbiden affektiven Störungen gelten, sodass mitunter eine Kombinationsbehandlung sinnvoll ist.

Durch die Einführung effektiver Therapiemethoden und die vorliegenden Diagnosekriterien wird in Zukunft dem Krankheitsbild der ADHS im Erwachsenenalter in der psychiatrischen Praxis die verdiente, vermehrte Aufmerksamkeit gewidmet werden.

O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper
für die Österr. Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB)

CliniCum neuropsy 4/2013
CliniCum neuropsy 4/2013

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