CliniCum neuropsy

e d i t o r i a l

O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

In den vergangenen Jahren wurde eine sehr große Anzahl von Arbeiten publiziert, die entweder den biologischen Hintergrund der Depression selbst oder die therapeutischen Wirkprinzipien, sei es psychopharmakologisch oder durch Stimulationsmethoden induziert, beschrieben haben. Trotz dieser aufschlussreichen und in die Tiefe gehenden Erkenntnisse sollten wir klinisch-psychopathologisch klar beschreibbare Charakteristika, wie sie z.B. die Abgrenzung einer psychotischen von einer nicht psychotischen Depression darstellt, nicht vergessen.

Kürzlich wurden zum Thema der psychotischen Depression epidemiologische, psychometrische und pharmakotherapeutische Arbeiten erstellt und dabei auch auf die Risikofaktoren eingegangen, die mit dieser Diagnose verbunden sind. Als beispielgebend können die Arbeiten der KollegInnen angesehen werden, die vom dänisch-psychiatrischen Zentralregister erhoben wurden. Diese Daten von über 14.000 PatientInnen lassen erkennen, dass eine psychotische Depression bei bipolaren PatientInnen in einer ähnlichen Häufigkeit auftritt wie das Vollbild einer Manie, d.h. bei zwischen 15 und 20 Prozent der Stichprobe. Andererseits konnte von derselben Arbeitsgruppe ebenfalls gezeigt werden, dass das Auftreten einer psychotischen Depression bei einem unipolaren Verlauf mit einem erhöhten Risiko einer Konversion in eine bipolare Erkrankung verbunden ist. Dabei war auch von Bedeutung, dass die Zykluslänge, d.h. der Beginn des Auftretens einer depressiven Phase bis zum erneuten Auftreten einer weiteren depressiven Phase, bei diesen Patienten kürzer war als bei Patienten, die diese Konversion nicht aufwiesen.

Wenngleich die klinische Psychopathologie häufig für den geübten Kliniker eindeutig ist, um die psychotische Depression zu diagnostizieren, stehen zusätzlich auch spezifische Skalen wie die Psychotic Depression Assessment Scale (PDAS) zur Verfügung, die anhand der vor Kurzem vorgelegten Studien als valides Instrument zur Erfassung des Schweregrades der psychotischen Depression angesehen werden kann. Diese Skala hat auch in Verlaufsuntersuchungen eine therapieabhängige Sensibilität aufgezeigt, um z.B. den therapeutischen Effekt der atypischen Antipsychotika bei dieser Gruppe von PatientInnen herauszuarbeiten.

Am Beispiel der psychotischen Depression werden wir daran erinnert, dass trotz der Faszination, die uns aus den Neurowissenschaften täglich entgegengebracht wird, klinische Entitäten, wie z.B. die psychotische Depression, nicht in Vergessenheit geraten sollten und in der gemeinsamen Interpretation mit neurowissenschaftlichen Befunden an Bedeutung gewinnen sollten. Molekularbiologische und klinische Untersuchungen gemeinsam mit den zurzeit noch sehr kostspieligen bildgebenden Verfahren werden in Zukunft ein Forschungscluster darstellen, aus dem sowohl diagnostische als auch prognostische und therapierelevante Variablen abgeleitet werden können.


O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper
für die Österr. Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB)

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CliniCum neuropsy 2/2014

Das Medium für Psychiatrie und Neurologie.